Ein Interview mit Narine Khachatryan

Die schöne Stimme ihrer Großmutter hat sie bis heute in Erinnerung. Ein prägendes Klangerlebnis der Kindheit. Mit acht Jahren komponierte sie dann selbst kleine musikalische Stücke. Mit dreizehn gewann sie für ihre Stücke erste Preise. Heute lebt die armenische Komponistin Narine Khachatryan in München. Doch findet sie immer mehr zu ihren Wurzeln zurück. Einen Eindruck konnte man sich davon bei ihrem Konzert am 29.06.2019 machen. Es wurden armenische geistliche Lieder, sowie ihre eigenen Stücke in unterschiedlichen Besetzungen gezeigt; die schöne Stimme hat Narine Khachatryan wohl von ihrer Großmutter geerbt.

Bei Deinem Konzertabend “Heimat im Herzen“ in München wolltest Du die verborgenen Musikschätze Armeniens zeigen und hast dadurch Deine eigene Musik besser verständlich gemacht.

Wie kann man sich den Nährboden, in dem Du persönlich in Armenien groß geworden bist, vorstellen?

 

Narine Khachatryan: Armenien ist ein Land mit einer reichen  Musiktradition. Als Schülerin,  später als Studentin besuchte ich oft Konzerte des philharmonischen Orchesters Armenines. So bekam ich  stets Impulse und Anregungen, die meinen musikalischen Geschmack formten: Ich konnte große symphonische Werke von P. Tschaikowsky, D. Schostakowitsch, H. Berlios,  Aram Khachatryan und anderen Komponisten erleben. Ich habe mich nicht nur mit der armenischen Musik auseinander gesetzt, sondern viel mehr mit der westlichen Musik. So erkundete ich neben Aram Khachatryan, dessen 2. Symhonie fast auswendig einstudiert habe, Bela Barok, Pierre Boulez, Luciano Berio, Stockhausen und Schnitke.

Armenische sakrale  Musik hörte ich in der Kirche bei den Gottesdiensten. Die wunderschönen Gesänge haben mich immer sehr interessiert. Ich kam z.B. nach dem Gottesdienst heim und notierte mir das Gehörte (ein Lied aus der Liturgie), dann versuchte ich das selbst zu singen.

 

Deine Musik will mehr als nur durch sich selbst heraus berühren. Sie will etwas konstatieren; zum Beispiel um auf den armenischen Genozid im Jahre 1915 hinzuweisen, wie bei Deinem kammermusikalischem Werk „Exurge, Domine…“. Außerdem findet man nicht wenige geistliche Werke unter Deinen Werken. Wie wichtig sind Dir diese Themen?

 

N.K.: Viele armenische Künstler, Komponisten und Maler wendeten sich an das Thema Genozid und werden sich noch sicherlich wenden. Wir sprechen nicht jeden Tag darüber oder denken immer darüber nach, aber das ist in unserem Unterbewusstsein.  Das beeinflusst auch unser Schaffen.

Ja, ich habe nicht wenige geistliche Werke. Einerseits sind das Stücke, die geistliche Texte haben (Chorstücke, Vokal Instrumental), andererseits sind das Kompositionen, bei denen das musikalische Hauptmaterial auf armenische geistliche Musik basiert. Musik und Glauben sind aus meiner Sicht tief miteinander verbunden.

 

Welchen höheren Zusammenhang siehst Du persönlich zwischen Religion und Musik?

 

N.K.: Ich persönlich finde, dass „komponieren zu können“ eine Gabe ist, die man von Gott bekommt. So ist es auch bei den Poeten und Dichtern. Keine Schule oder kein Lehrer auf der Welt kann dem Menschen beibringen zu komponieren, wenn diese Gabe dem Menschen nicht von „oben“ gegeben ist. Das „Schöne und Besondere“ ist, dass die Musik erst im inneren Gehör, im Kopf des Komponisten ins Leben gerufen wird (hörbar wird), zumindest soll es so sein. Erst dann kommt es auf das Blatt. Und das ist das Wunder!

 

 

In Deinen Kompositionen gibt es widerkehrende Klang-Elemente wie die Kombination von glissando und Flageolett-Tönen. In der neuen Musik, vor allem in der progressiveren Richtung, die meist Elektronik einbezieht, scheint das Erkunden von und Experimentieren mit neuen Sounds geradezu den Stellenwert zu haben wie die Harmonik in der Romantik. Es ist also ein entscheidendes Element des individuellen Kompositionsstils.

Wie wichtig ist Dir dieses Klang-Forschen?

 

N.K.: Ein Komponist kann in seinem Schaffen lebenslang experimentieren, Klänge und Sounds erforschen. […] Die Frage ist, wie lange macht man das? Führt es irgendwann zur „Selbstfindung“ oder bleibt der Komponist stets im Modus „experimentieren und forschen“? Entwickelt sich der eigene Kompositionsstil, die eigene Musiksprache oder folgt man nur dem, was gerade „modisch“ ist? Letztendlich machen das fast alle zeitgenössischen Komponisten.

In meinen Studienjahren bei Pof. Thomas Buchholz befand ich mich genau in der Phase „experimentieren und forschen“, was man gut in den Stücken „Getrennt-zusammen“ für Oboe, Viola und Gitarre oder in „Eleison“ für achtstimmigen Chor nachvollziehen kann.

Mit der Zeit fühlte ich mich immer mehr zur meinen „Wurzeln“ hingezogen:  Das sind armenische Musiktradition, das ist meine Religion, eigene Geschichte, Heimat und die Identität.

Die Avantgarde mit der Tradition zu verbinden stört mich allerdings nicht, ganz im Gegenteil: Das ist das Spezifische, was in meinen Kompositionen zu finden ist und einiges bewirkt.

 

Was liebst Du am Komponieren und was willst Du musikalisch bewirken?

 

N.K.: Beim Komponieren finde ich mich selbst, ich entdecke und spüre jedes Mal die Kraft der Musik neu, ich setzte mich mit Formen und Farben, mit Strukturen und “ Konstruktionen“ auseinander […]: Es ist ein Bedürfnis für mich, etwas Neues zu schaffen. Es ist wie eine Geburt des Kindes.

Beim Komponieren liebe ich das „Hören“. Viele fragen den Komponisten: „Wie machst du das?”. Die Antwort des großen armenischen Komponisten Arno Babajanian war: „Freund, ich höre!“. Genau das liebe ich: Wenn ich in der Stille der Nacht die ersten Töne der neuen Komposition höre, müssen sie schnell notiert werden. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl, denn manchmal ist das „Hören“ schneller als die Hand, die alles notieren soll.

 

Was steht als nächstes an?

 

N.K.: Als nächstes steht Zusammenarbeit mit der Monika Drasch, von der ich einen Kompositionsauftrag habe. Das neue Stück „Nocturne“ für Stimme, Akkordeon und Kontrabass wird im April vom Monika Drasch Trio  uraufgeführt. Das ist zum einen ungewöhnlich, weil M. Drasch in einem anderen Bereich der Musik wirkt und ihre Stimme eine spezifische Klangfarbe hat. Ich bin gespannt auf die UA. Auch wird es in 2020 eine Zusammenarbeit mit dem armenischen Kammerchor „Paros“ geben. Es werden Uraufführungen meiner Chorwerke  in Armenien geplant. Die gelungene Zusammenarbeit mit  dem Zentaur-Quartett und die große Interesse seitens des Streichquartetts an armenische zeitgenössische Musik, führen zur weiteren  Zusammenarbeit.  Es werden Konzerte in München (2021) und Armenien geplant. Ich habe noch andere Vorhaben, zu denen ich noch nicht viel verraten kann. Das größte Ziel für die nächsten Jahre bleibt  die Uraufführung meines „Requiems“ für 8-stimmigen Chor und Kammerorchester, wofür ich nach finanziellen Möglichkeiten suche.

 

Wie erlebst Du die Unausgewogenheit der Geschlechter in Deinem Beruf? Würdest Du Dir persönlich mehr Aufmerksamkeit hinsichtlich dessen wünschen oder gibt es zu viele „Gender-Maßnahmen“?

 

N.K.: Ja, ich hätte mir schon mehr Aufmerksamkeit diesbezüglich gewünscht.  Die Komponistinnen müssen ihren Weg nach wie vor erkämpfen: Insbesondere ist es mit den großen Kompositionen schwierig. Traurig finde ich, dass große Orchesterwerke oder andere große Besetzungen auf dem Papier bleiben.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.